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  • Katzen herrschen nicht nur über das Internet, sie herrschen auch über tausende von New Yorker Geschäften

    Wenn an einem Freitag um Mitternacht ein elegant gekleidetes Paar in Abendrobe und schwarzem Anzug, eine Gruppe angeheiterter Studenten und eine Katze im gleichen Raum zusammentreffen, dann kommt in New York eigentlich nur ein Ort in Frage: Eine Bodega. Die Gründe für das Aufsuchen einer Bodega mögen unterschiedlich sein. Das elegante Paar will vielleicht Kaugummis kaufen, die Studenten Bier und die Katze? Ja, die wohnt einfach da. Angewiesen auf diesen Ort sind sie aber alle. Genauso wie alle anderen Bewohner New Yorks.

    Bodega (wahlweise auch Deli oder Green Grocer genannt) ist die Bezeichnung für einen der rund 12'000 unabhängigen Gemischtwarenläden der Stadt. In fast jedem Strassenblock New Yorks befindet sich eine Bodega, wenn nicht sogar mehrere. Die meisten dieser winzigen Läden sind oft bis unter die Decke vollgestopft mit verpackten Lebensmitteln, Softdrinks, Bier, Zigaretten, Regenschirmen, Reinigungsmitteln, Toilettenpapier, Glühbirnen, einem Geldautomaten und vielen weiteren Dingen, dessen Besorgung oft keinen Aufschub duldet und schon gar nicht den Gang zum nächsten Supermarkt rechtfertigt.

    Interessanterweise gleichen sich alle auf erstaunliche Art und Weise in der Erscheinung. Die Regale stehen so eng beieinander, dass man sich kaum kreuzen kann, das Licht flackert, der Duft ist oft unangenehm und der Kassierer schaut von einer erhöhten Theke auf einen herab, umgeben von weiteren Produkteauslagen. Mit etwas Glück gehört er (Frauen sind eher selten) zu den freundlichen oder schweigsamen Verkäufern. Die Chancen stehen jedoch nicht schlecht, dass er mürrisch ist. Bodegas haben eine lange Tradition und womöglich ist das auch der Grund, weshalb nationale Giganten wie «7-Eleven» New York bisher links liegen gelassen haben.

    Die Geschäfte, und vor allem deren Besitzer, sind ein Abbild des stetigen Wandels der Stadt. Im vorletzten Jahrhundert hiessen die Geschäfte ausschliesslich Deli, abgeleitet vom Wort Delicatessen und waren im Besitz jüdischer Emigranten. Das Wort Deli wird immer noch oft benutzt und bezeichnet in der Theorie diejenigen Geschäfte, welche auch ein Angebot an zubereiteten Speisen führen. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gerieten die meisten Geschäfte in Besitz lateinamerikanischer Einwanderer und wurden durch den Begriff Bodega ersetzt. Ein paar Jahrzehnte später übernahmen die Koreaner die Geschäfte und das Wort Korean-Groceries kam auf (diese Bezeichnung ist aus politischer Korrektheit allerdings wieder gänzlich verschwunden). Korean-Groceries waren vor allem bekannt für ihre Auswahl an frischem Gemüse und Obst. Irgendwann hat sich sowohl das Sortiment als auch die Bezeichnung vermischt. Seit neustem häufen sich jedoch die Meldungen, dass es nicht mehr allzu gut um die kleinen Geschäfte steht. Steigende Mieten und das plötzliche Interesse internationaler Ketten an New Yorker Ladenfläche lassen die Anzahl Bodegas jährlich und stetig sinken. Und was denken die sonst dem Wandel nicht abgeneigten New Yorker darüber? Sie hassen es! Sie stellen fest, dass einige Konzerne weder Alkohol, noch Zigaretten oder Lotterielose verkaufen. Oder dass es schlicht unmöglich ist, einen Angestellten dazu zu bringen, den Wohnungsschlüssel für anreisende Gäste ein paar Stunden aufzubewahren. Oder sie vermissen die schlanke und hungrige Katze, die in vielen Bodegas herumlauert. Vielleicht weil diese Katzen sie immer wieder daran erinnert, dass an diesem Ort sämtliche Regeln in aller Öffentlichkeit gebrochen werden können. Vielleicht aber auch weil die meisten New Yorker einfach keine Nager mögen.