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  • Der Neurochirurg soll mal auf die Pedale drücken

    Das gelbe New Yorker Taxi. Besucher benutzen es und New Yorker sowieso. Erstere erhalten aufgrund der geringeren Anzahl Fahrten nur einen kleinen Einblick in die Eigenheiten dieses für New Yorker so typische Fortbewegungsmittel. Um ein Taxi anzuhalten heben sie – wie sie es aus Filmen kennen – die Hand und früher oder später hält tatsächlich auch eines an. Sie steigen ein, sagen «Hallo» und nennen die Adresse. Sie bewundern die Stadt durch das verschmierte Seitenfenster. Sie kommen an, bezahlen, verabschieden sich und nehmen ein typisches New York Erlebnis als Erinnerung mit nach Hause. Eine praktische und authentische Erfahrung. Es ist jedem Besucher zu empfehlen ein paar solcher Erinnerungen zu sammeln.

    Nennt man die aufregendste aller Städte jedoch sein Zuhause, ist eine Taxifahrt um einiges vielschichtiger. Da ist noch viel mehr. Gutes und Schlechtes. Ein New Yorker steht nämlich selten einfach an den Strassenrand und hebt die Hand. Ausser vielleicht seine Sinne sind ein wenig getrübt. Für diesen Fall wäre «Uber» jedoch sowieso die bessere Variante. Die finden einem und nicht umgekehrt. Nein, bevor der New Yorker sich um ein Taxi bemüht, startet ein gut eingespielter Denkprozess: Fahrtrichtung, Uhrzeit, Verkehrsaufkommen, Wochentag, Wetterbedingungen, Routen im Allgemeinen und der gefürchtete Schichtwechsel der Fahrer zwischen 16:00 und 17:00 Uhr. Dann sinkt trotz steigender Kundennachfrage die Anzahl Taxis markant – ein Jahrzehnte altes Problem für das es keine Lösung zu geben scheint. Mag für eine einfache Taxifahrt nach viel Kopfarbeit klingen, ist jedoch einer frustrierenden Wartezeit auf jeden Fall vorzuziehen.

    Bevor wir nun zum wirklich interessanten Teil einer New Yorker Taxifahrt kommen, hier ein paar Fakten:

    • In New York City gibt es 13'605 Taxi-Lizenzen und über 51'000 lizenzierte Fahrer. Die Anzahl Lizenzen blieb über die Jahre erstaunlich stabil.
    • Eine Lizenz wird derzeit um die $700'000 gehandelt (in der Pre-«Aber»-Ära war es knapp eine Million).
    • Die meisten Lizenzen gehören Unternehmen, welche diese wiederum an Fahrer vermieten.
    • Die Fahrer leisten meist bis zu 12-Stunden-Schichten. An die 90% von ihnen sind Einwanderer.
    • Der Jahresverdienst eines Taxifahrers beläuft sich auf rund $33'000. Ein Knochenjob also.
    • Die Grundgebühr für eine Fahrt beträgt $2.50. Im Vergleich zu anderen Städten ist Taxifahren in New York preiswert.

    Höflichkeiten werden beim Ein- und Aussteigen aus Prinzip keine ausgetauscht. Ohne eine Sekunde zu verlieren schreit man den gewünschten Zielort nach vorne. Darin schlechte Umgangsformen zu erkennen wäre jedoch falsch. Im Gegenteil, man tut nicht nur sich und dem Taxifahrer einen Gefallen, sondern auch dem gestressten und wild hupenden Autofahrer hinter sich. Sobald das Taxi losfährt, hat man Zeit, sich die nun folgenden Minuten so angenehm wie möglich zu gestalten. Vielleicht, in dem man die Fenster öffnet, weil ein undefinierbarer, intensiver Taxi- Geruch, in Kombination mit dem notorisch-halsbrecherischen Fahrstil, das körperliche Wohlbefinden erstaunlich schnell mindern kann. Auch ist anzumerken, dass sich New Yorker, trotz dem oft «interessanten» Fahrstil, grundsätzlich nicht anschnallen. Denn niemand schnallt sich hier je an.

    Während der Fahrt folgt ein weiteres garantiertes Erlebnis: Man wird Zeuge eines Telefongespräches in einer unbekannten Sprache. Telefonieren tun die Fahrer fast alle. Und zwar ununterbrochen. Nur, was wird da geredet und mit wem? Ist es die Verlobte in Marokko, die Tochter in Queens oder die Mutter in Indien? Tauscht man sich mit anderen Fahrern über die Verkehrslage aus und macht Scherze über die Kunden? Es ist eines der grossen Rätsel der Stadt. Für Scherze über die Kunden gäbe es gemäss einer Umfrage unter Fahrern durchaus Gründe: Heftig streitende Paare, Damen, die Ihr Outfit während der Fahrt komplett wechseln, nicht jugendfreie Handlungen auf dem Rücksitz und aggressive, besserwisserische Passagiere sind an der Tagesordnung.

    Taxifahren in New York hat aber auch seine schönen Seiten. Manchmal ergibt sich aus einer simplen Frage ein bereicherndes Gespräch. Mit dem jemenitischen Chirurgen, dessen pubertierende Tochter eine anstrengende Phase durchmacht. Mit dem weissrussischen Ingenieur, der nicht sicher ist, ob er sich zum Krankenpfleger ausbilden lassen soll. Oder mit dem ghanaischen Lehrer, der einem versichert, dass Morgen ein besserer Tag sein wird.

    Taxifahren kann sogar bezaubernd sein, wenn es der Zufall denn will. Zum Beispiel wenn man wortlos die vorbei rauschende Stadt durchs offene Fenster bewundert und sich dabei – zusammen mit dem Fahrer – eine im Radio spielende Symphonie in voller Lautstärke anhört.

     

  • Katzen herrschen nicht nur über das Internet, sie herrschen auch über tausende von New Yorker Geschäften

    Wenn an einem Freitag um Mitternacht ein elegant gekleidetes Paar in Abendrobe und schwarzem Anzug, eine Gruppe angeheiterter Studenten und eine Katze im gleichen Raum zusammentreffen, dann kommt in New York eigentlich nur ein Ort in Frage: Eine Bodega. Die Gründe für das Aufsuchen einer Bodega mögen unterschiedlich sein. Das elegante Paar will vielleicht Kaugummis kaufen, die Studenten Bier und die Katze? Ja, die wohnt einfach da. Angewiesen auf diesen Ort sind sie aber alle. Genauso wie alle anderen Bewohner New Yorks.

    Bodega (wahlweise auch Deli oder Green Grocer genannt) ist die Bezeichnung für einen der rund 12'000 unabhängigen Gemischtwarenläden der Stadt. In fast jedem Strassenblock New Yorks befindet sich eine Bodega, wenn nicht sogar mehrere. Die meisten dieser winzigen Läden sind oft bis unter die Decke vollgestopft mit verpackten Lebensmitteln, Softdrinks, Bier, Zigaretten, Regenschirmen, Reinigungsmitteln, Toilettenpapier, Glühbirnen, einem Geldautomaten und vielen weiteren Dingen, dessen Besorgung oft keinen Aufschub duldet und schon gar nicht den Gang zum nächsten Supermarkt rechtfertigt.

    Interessanterweise gleichen sich alle auf erstaunliche Art und Weise in der Erscheinung. Die Regale stehen so eng beieinander, dass man sich kaum kreuzen kann, das Licht flackert, der Duft ist oft unangenehm und der Kassierer schaut von einer erhöhten Theke auf einen herab, umgeben von weiteren Produkteauslagen. Mit etwas Glück gehört er (Frauen sind eher selten) zu den freundlichen oder schweigsamen Verkäufern. Die Chancen stehen jedoch nicht schlecht, dass er mürrisch ist. Bodegas haben eine lange Tradition und womöglich ist das auch der Grund, weshalb nationale Giganten wie «7-Eleven» New York bisher links liegen gelassen haben.

    Die Geschäfte, und vor allem deren Besitzer, sind ein Abbild des stetigen Wandels der Stadt. Im vorletzten Jahrhundert hiessen die Geschäfte ausschliesslich Deli, abgeleitet vom Wort Delicatessen und waren im Besitz jüdischer Emigranten. Das Wort Deli wird immer noch oft benutzt und bezeichnet in der Theorie diejenigen Geschäfte, welche auch ein Angebot an zubereiteten Speisen führen. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gerieten die meisten Geschäfte in Besitz lateinamerikanischer Einwanderer und wurden durch den Begriff Bodega ersetzt. Ein paar Jahrzehnte später übernahmen die Koreaner die Geschäfte und das Wort Korean-Groceries kam auf (diese Bezeichnung ist aus politischer Korrektheit allerdings wieder gänzlich verschwunden). Korean-Groceries waren vor allem bekannt für ihre Auswahl an frischem Gemüse und Obst. Irgendwann hat sich sowohl das Sortiment als auch die Bezeichnung vermischt. Seit neustem häufen sich jedoch die Meldungen, dass es nicht mehr allzu gut um die kleinen Geschäfte steht. Steigende Mieten und das plötzliche Interesse internationaler Ketten an New Yorker Ladenfläche lassen die Anzahl Bodegas jährlich und stetig sinken. Und was denken die sonst dem Wandel nicht abgeneigten New Yorker darüber? Sie hassen es! Sie stellen fest, dass einige Konzerne weder Alkohol, noch Zigaretten oder Lotterielose verkaufen. Oder dass es schlicht unmöglich ist, einen Angestellten dazu zu bringen, den Wohnungsschlüssel für anreisende Gäste ein paar Stunden aufzubewahren. Oder sie vermissen die schlanke und hungrige Katze, die in vielen Bodegas herumlauert. Vielleicht weil diese Katzen sie immer wieder daran erinnert, dass an diesem Ort sämtliche Regeln in aller Öffentlichkeit gebrochen werden können. Vielleicht aber auch weil die meisten New Yorker einfach keine Nager mögen.